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Reges Aquae

Tief im Schatten des Berges, dort wo selbst die Hitze der trockenen Welt zu schweigen scheint, liegt der Thronsaal der Reges Aquae — Lucien und Cassor Aquilor. Die Zwillinge herrschen nicht über ein Königreich aus fruchtbaren Feldern oder großen Heeren. Sie herrschen über etwas Wertvolleres: Wasser.

Nur wenige wissen, woher die Quellen unter dem Berg wirklich stammen. Manche sprechen von uralten Reservoiren tief unter dem Stein, andere von vergessener Magie aus vergangenen Zeitaltern. Die Brüder selbst nähren diese Gerüchte bewusst. Denn solange niemand versteht, woher das Wasser kommt, wagt auch niemand, nach Kontrolle darüber zu greifen.

Jeder Tropfen, der die Städte und Siedlungen des Landes erreicht, fließt durch ihre Hände.

In den Straßen der Hauptstadt tragen die Menschen kleine Marken aus Ton, Bronze oder Knochen — Wassermarken, ausgegeben im Namen der Reges Aquae. Mit ihnen erhält jeder Bürger seine tägliche Ration. Genug zum Überleben. Genug, um Handel treiben zu können. Genug, damit die Felder nicht völlig verdorren. Doch niemals genug für Verschwendung. Niemals genug, um unabhängig zu werden.

Und genau darin liegt die wahre Macht der Brüder.

Karawanen erhalten Wasser nur gegen Abgaben. Händler zahlen hohe Preise für zusätzliche Marken. Ganze Städte richten ihre Märkte nach den Lieferungen aus dem Berg aus. Selbst Bündnisse zwischen Völkern entstehen oder zerbrechen abhängig davon, wie großzügig die Aquilor ihre Reserven freigeben.

Viele nennen die Brüder gerecht. Viele nennen sie grausam. Die meisten wagen es nicht, überhaupt ein Urteil auszusprechen.

Denn wer den Durst kontrolliert, kontrolliert den Gehorsam.

Der Weg zum Thronsaal führt tief in den Berg hinein, vorbei an schweren Hallen aus hellem Stein und Säulen, in denen sich das Echo jedes Schrittes verliert. Dort, im Herzen des Felsens, sitzen die Zwillinge auf ihren steinernen Sitzen — stets gemeinsam, niemals allein. Keine Entscheidung wird ohne den anderen gesprochen. Keine Wassermarke trägt nur ein Siegel.

Hinter ihren Thronen erhebt sich ein gewaltiger Brunnen aus schwarzem und blauem Marmor. Klares Wasser fließt dort in offenen Rinnen von Becken zu Becken, langsam und unaufhörlich. In einer Welt aus Staub und Trockenheit wirkt dieser Anblick beinahe obszön. Besucher berichten oft, dass sie den Brunnen mehr ansehen als die Herrscher selbst.

Und genau das ist beabsichtigt.

Lucien erscheint den meisten zunächst als der edlere der beiden Brüder. Schlank, gepflegt und mit ruhiger Stimme empfängt er Gesandte wie ein Priester alter Zeiten. Goldene Ketten und blaue Stoffe schmücken seine schmale Gestalt, und seine Bewegungen wirken präzise wie ein sorgfältig einstudiertes Schauspiel. Er spricht selten laut. Selten direkt. Doch wenn Lucien schweigt, beginnen andere nervös zu reden.

Cassor dagegen wirkt beinahe wie das Gegenteil. Breit, schwer und oft leicht verschwitzt sitzt er mit geöffneter Haltung auf seinem Thron, als interessiere ihn höfische Etikette nur wenig. Sein Gewand ist teuer, aber einfacher getragen, der Schmuck gering, die Hände groß und rau wirkend. Viele unterschätzen ihn deswegen. Sie halten ihn für den groberen, einfacheren Bruder.

Diejenigen, die das tun, überleben politische Verhandlungen selten lange.

Denn trotz aller Unterschiede verfolgen beide dasselbe Ziel: Die Kontrolle über das Wasser darf niemals schwächer werden. Nicht durch Aufstände. Nicht durch fremde Reiche. Nicht durch Hoffnung.

Und so regieren die Reges Aquae weiter aus dem Inneren ihres Berges — zwei Brüder, ein Thron und ein Reich, das jeden Tag aufs Neue seinen Durst bei ihnen stillen muss.

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