Die Hallen des Ewigen Steins
Die Hallen des Ewigen Steins liegt weit außerhalb der zwergischen Siedlungen Ariduns. Anders als viele Fremde erwarten würden, erhebt sich dort keine prächtige Festung und kein gewaltiger Tempel. Wer den Ort zum ersten Mal sieht, könnte ihn beinahe übersehen. In einer abgelegenen Felsregion befindet sich lediglich ein schlichter, breiter Eingang, direkt in das Gestein geschlagen. Keine Statuen, keine Banner, keine Verzierungen. Nur ein Tor aus Stein und die Wachen, die es bewachen. Für die Zwerge liegt die Bedeutung nicht vor dem Berg, sondern in seinem Inneren.
Hinter dem unscheinbaren Eingang erstreckt sich ein Labyrinth aus gewaltigen Hallen und langen Gängen, deren Ausmaße selbst viele Zwerge nur erahnen können. Manche Hallen sind so lang, dass ihr Ende im Dunkel verschwindet. Riesige Säulen tragen die Decken, jede einzelne bedeckt mit Runen, Namen und Reliefs. Die Wände erzählen die Geschichte eines ganzen Volkes. Nicht nur die von Königen, Heerführern oder berühmten Schmieden, sondern auch die von Handwerkern, Steinmetzen, Entdeckern, Familien und all jenen, deren Taten als würdig erachtet wurden, für die Ewigkeit bewahrt zu werden.
Zwischen den Schriftzeilen ziehen sich kunstvolle Reliefs durch den Stein. Sie zeigen Schlachten, Handelszüge, Entdeckungsreisen, den Bau großer Hallen und die Gesichter jener, deren Namen bis heute fortleben. Manche Abschnitte sind erst wenige Jahre alt. Andere wurden vor Jahrhunderten gemeißelt. Je tiefer man in die Halle vordringt, desto älter werden die Inschriften. Die Sprache verändert sich, die Runen werden fremder und selbst viele Zwerge können ihre Bedeutung nicht mehr vollständig erfassen.
Die einzigen Bewohner der Halle sind die Bewahrer. Es sind Gelehrte, Historiker und Steinmetze zugleich. Anders als die meisten Zwerge tragen sie keine Rüstungen. Lange, dunkle Gewänder begleiten sie durch die Hallen, während an ihren Gürteln feine Meißel, kleine Hämmer, Bürsten und Werkzeuge hängen. Ihre Aufgabe besteht darin, neue Ereignisse festzuhalten, beschädigte Inschriften auszubessern und dafür zu sorgen, dass kein Name und keine Geschichte verloren gehen. Manche Bewahrer verbringen ihr gesamtes Leben innerhalb der Hallen und verlassen sie nur selten.
Die Halle ist niemals wirklich still. Ständig hallt das leise Klacken von Meißeln durch die Gänge. Man hört das Schaben von Bürsten über Stein, das Rascheln von Aufzeichnungen und die Schritte der Bewahrer auf den uralten Böden. Das Geräusch ist allgegenwärtig, aber nie störend. Es wirkt beinahe so, als würde der Berg selbst atmen und seine Geschichte fortlaufend weiterschreiben.
Für die Zwerge ist die Halle des Ewigen Steins weit mehr als ein Archiv. Sie ist ihr Gedächtnis, ihr Vermächtnis und ihre Vorstellung von Unsterblichkeit. Denn während Wasser vergeht und selbst die mächtigsten Reiche zerfallen können, bleibt der Stein bestehen. Und solange ein Name in den Hallen des Ewigen Steins eingemeißelt ist, gilt er unter den Zwergen nicht als vergessen. Deshalb lautet eine alte zwergische Weisheit:
Das Wasser hält dich heute am Leben. Der Stein hält deinen Namen tausend Jahre.